Eine Kortisonspritze und was danach kam

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    • Eine Kortisonspritze und was danach kam

      Ende August blieb Shandi mit dem linken Fuß im unteren Frontbereich der Voliere hängen. Zunächst war sie völlig beschwerdefrei, humpelte jedoch plötzlich 3 Tage nach dem Unfall stark, so dass wir eine vogelkundige Tierärztin aufsuchten. Diese untersuchte Shandi eingehend und stellte die Diagnose „Muskelzerrung im Oberschenkel“. Da ich Shandi den Stress des täglichen Einfangens und der schnabulösen Verabreichung von Medizin ersparen wollte, bat ich um die Injektion eines Entzündungshemmers. Dabei dachte ich an ein Metacam-ähnliches Medikament. Metacam wirkt nicht nur schmerzstillend sondern auch entzündungshemmend. Der Wirkstoff Meloxicam ist ein nichtsteroidales Antiphlogistikum (Entzündungshemmer). Die Tierärztin gab uns noch Traumeel-Tabletten fürs Trinkwasser mit und injizierte das Mittel „Voren Suspension“. Bei der Recherche Zuhause im Internet stellte ich leider fest, dass es sich um den Wirkstoff Dexamethason, ein Glukokortikoid, handelt. Auch las ich in div. (Nymphensittich)Foren, dass die Gabe von Kortison bei Papageien umstritten ist. So wird in den Foren behauptet, dass Kortison zu einer Immunsuppression oder Nierenversagen führt. Auch wird dort die These vertreten, dass die einzige Anwendung von Kortison bei einem schweren Hirntrauma gerechtfertigt sei; und dann nur unter Antimykotika- und Antibiotika-Abschirmung.

      Andererseits steht im "Leitsymptom bei Sittichen und Papageien", dass Dexamethason aufgrund seiner starken antiinflammatorischen Wirkung das Mittel der Wahl sei.

      Shandi hatte in den 3 Tagen nach der Spritze anfangs sehr starke Polyurie, trank und futterte viel. Der Kot normalisierte sich immer mehr und auch der Durst ließ nach. Ansonsten ging es ihr soweit gut. So gut, dass sie sich sogar nach Wochen der Enthaltsamkeit am Sonntag morgen Rocky anbot.
      Das ganze Wochenende bangte ich um Shandis Leben. Stand doch in den Foren zwischen den Zeilen geschrieben, dass sie nach einer Kortisonspritze schwer erkranken oder gar sterben könnte. Ich beobachtete sie eingehenst, konnte aber glücklicherweise keine Verschlechterung ihres Allgemeinzustandes feststellen.

      Auf der Homepage eines Tierarztes der Vierbeiner behandelt, las ich, dass Kortison Auswirkung auf den Wasserhaushalt hat. Die Tiere trinken nach der Behandlung häufig sehr viel mehr als sonst und produzieren dementsprechend mehr Urin. Außerdem regt Cortison den Stoffwechsel und damit auch das Hungergefühl an. Weiter war dort zu lesen, dass nach Abklingen der Wirkung bzw. nach dem Absetzen des Medikamentes diese Nebenwirkungen verschwinden. Aber konnte man von Vier- auf Zweibeiner schließen?

      Bei einem Telefongespräch mit der vk Tierärztin rechtfertigte sich diese damit, dass Dexamethason in der auf Vögel und Reptilien spezialisierten Klinik, in der sie ausgebildet wurde, durchaus bei Nymphensittichen eingesetzt wird. Sie entschuldigte sich bei mir, dass sie nicht extra erwähnt hatte, dass es sich um ein Kortisonpräparat handelt und erklärte, dass es ihr leid täte, dass ich aufgrund der Falschinformationen aus dem Internet ein so unruhiges Wochenende hatte. Ich warf ihr vor, ihrer ärztlichen Aufklärungspflicht nicht nachgekommen zu sein, nahm ihre Entschuldigung aber an.

      Da mich die fachmännische Meinung von anderen vogelkundigen Tierärzten zu diesem Thema interessierte, schrieb ich bundesweit 23 Praxen an. Ich fragte, ob Kortison grundsätzlich schädlich sei, ob es Glucocortikoide gibt, die weniger gefährlich für Vögel sind und welche Nebenwirkungen bzw. Spätfolgen nach der Gabe von Kortison auftreten können. Von den 23 angeschriebenen vk Tierärzten antworteten bis heute 17 Praxen. Eine Zusammenfassung der Antworten möchte ich hier bekanntgeben. Zunächst allgemeine Aussagen, die getroffen wurden:

      Es wurde festgehalten, dass meine Fragen wissenschaftlicher Natur seien, die sicherlich noch nicht eindeutig beantwortet werden können. Eine generell verbindliche Antwort sei nicht möglich. Es wurde die Meinung vertreten, dass wenn gleich Kortison bei Vögeln stärkere Nebenwirkungen zu haben scheint, bei genauer Dosierung eine Gabe durchaus vertretbar sei. Meist sind das Notfallbehandlungen. Zudem sehe man bei Kurzzeitformulierungen (kein Depot) in der Regel keine Nebenwirkungen.

      Durch Glukokortikoide kann es zu einer Unterdrückung der Nebennierentätigkeit und zu einer Immunsuppression kommen. Jedoch ist bei kurz wirksamen und/oder sehr niedrig dosierten Cortisongaben die Gefahr einer Immunsuppression geringer. Die Immunsuppression kann bakterielle und mykologische Infektionen begünstigen. Wird ein Glucocorticoid über einen längeren Zeitraum verabreicht, sollte prophylaktisch eine antibiotische und antimycotische Behandlung erfolgen. Bei kurz wirksamen Kortikosteroiden kann jedoch u.U. darauf verzichtet werden.
      Ferner kann es zu einer verzögerten Wundheilung, zu Ulzera im Magen-Darmtrakt, zur Bildung einer Fettleber und zu einer Insulinresistenz (evtl. Verstärkung einer vorhandenen Diabetiserkrankung) kommen.

      Die Nebenwirkungen von Kortison können ebenso zahlreich sein, wie die Wirkungen. Nierenversagen zählt jedoch nach Auffassung einer Ärztin nicht dazu.

      Ich wurde auch darauf hingewiesen, dass Kortison eine körpereigene Substanz ist, die an vielen Regulationsmechanismen im Organismus beteiligt ist. In Arzneiform gibt es kurz wirksame und Depotpräparate.

      Bevorzugt werden von einigen der angeschriebenen Praxen die Wirkstoffe Prednisolon (kürzere Wirkzeit, sowie bessere Verträglichkeit und geringere Nebenwirklungen als Dexamethason) und Methylprednisolon.

      Von Vorteil sei es, wenn vor dem Einsatz von Kortison der Immunstatus des Vogels bekannt ist. Durch eine Leukozytenzählung können Anzahl und Aktivität der Entzündungszellen beurteilt werden. Wenn bereits (zu) wenig Leukozyten (Leukopenie), speziell Lymphozyten vorhanden sind, sollte von einem Kortisoneinsatz abgesehen werden.

      Ist zu befürchten, dass die Injektion von Kortison einem Vogel geschadet hat, kann eine hämatologische Untersuchung einer Blutprobe mit Leukozytenzählung, Differentialblutbild und Hämatokritwertbestimmung vorgenommen werden. Zudem eine Blutchemie, d.h. organspezifische Enzyme und Elektrolyte-Bestimmung.

      Die Ärzte schrieben, dass Kortison bei folgenden Fällen zum Einsatz kommt:

      - Hirntrauma
      - Kreislaufkollaps
      - hochgradiger Atemnot
      - Schock
      - Hirnödem
      - Endophthalmitis (Innere Augenentzündung)
      - Einblutungen am Augenhintergrund
      - präoperativ vor der Operation ulzerierter, infizierter Tumore
      - bei schwersten nicht infizierten Arthritiden und Arthrosen (wenn NSAD nicht wirksam sind)
      - bei überschießende Entzündungen oder Schwellungen.

      Grundsätzlich abzulehnen sei Kortison in Form von Depot-Glucocorticoiden sowie bei Anwendung auf der Haut (Nekrosen) oder am/im Auge, langfristige Gaben von Cortisonen, Verabreichung bei tropischen und nordischen Vogelarten, die äußerst empfindlich für Infektionen des Repirationstraktes (z.B. Amazonen, Beos, Gerfalken) mit Schimmelpilzen und Bakterien sind. Tiere mit einer Immunabwehr unterdrückenden Erkrankung, sollten ebenfalls kein Kortisonpräparat verabreicht bekommen (Circovirusinfektion, PBFD). Ihr seht, hier wurde auch Dexamethason (Depot) aufgeführt. Das zeigt, wie uneins sich die Ärzteschaft ist.

      Der Einsatz von nicht-steroidale Entzündungshemmern (NSAD = NonSteroidalAntiinflammatoryDrugs) sollte dem des Kortisons vorgezogen werden. Hierzu gehört Metacam mit seinem Wirkstoff Meloxicam. Diese Wirkstoffe haben keine immunsuppressive Wirkung und sind deshalb bei leichten Traumata bevorzugt zu verwenden.

      Interessant fand ich nachstehende Aussagen zum allgemeinen Gebrauch von Kortison, die wiederum zusammenfassend aufgeführt sind:

      Man könne nicht sagen, dass ein Medikament grundsätzlich schädlich ist, auch Kortison nicht. Es kommt immer auf die Erkrankung und die Konstitution des Vogels an. Bei Dauergabe besteht natürlich wie bei vielen Medikamenten die Gefahr von schädlichen Auswirkungen. Beim Einsatz von Kortisonpräparaten ist die Dosis zusätzlich entscheidend für das Ausmaß der Wirksamkeit. Wellensittiche und Nymphensittiche gehören als Kontinentalvögel eher zu den robusteren Tieren und sind viel weniger anfällig. Viele Vögel hätten schon Cortison bekommen ohne irgendwelche Spätfolgen. Es muss also noch lange nicht immer zu Komplikationen kommen. Gerade Nymphensittiche neigen nicht so sehr zu Reaktionen auf Kortison wie andere Species. Natürlich muss der Einsatz von Corticoiden beschränkt bleiben.

      Ernüchternd fand ich die Aussage, dass man nicht alles glauben sollte, was man in Internetforen liest.

      Die oftmals in den Foren getätigte Aussage, dass die Vögel nach der Kortisongabe an Nieren- oder Immunversagen sterben, kann meiner Meinung nach so nicht mehr pauschal aufrecht gehalten werden. Nach den mir vorliegenden Informationen kann Kortison durchaus gegeben werden. Wichtig ist die Dosierung und das Allgemeinbefinden des Vogels sowie eine strenge Indikationsstellung, insbesondere wegen der Nebenwirkungen. Wir müssen die User künftig besser über Risiken und Nebenwirkungen von Kortison aufklären und dürfen uns nicht zu angstmachenden Pauschalaussagen hinreißen lassen.

      Die Aussage eines vk TA, der mir antwortete war, dass leider die Schattenseite des Internets ist, dass jeder schreiben kann was er will ohne dass eine fachliche Kompetenz dahinter steckt. Und so würden seiner Meinung nach immer wieder Missverständnisse entstehen, verursacht durch Halbwissen und falsche Schlussfolgerungen. Dem kann ich mich nur anschließen. Die Weitergabe von falschen Informationen in den Foren geschieht aus einem Grunde: Wir alle, die in den Foren schreiben, sind medizinische Laien – da brauchen wir uns gar nichts vormachen.

      Zum Schluß möchte ich noch folgendes loswerden: Gerne wird aus Fachliteratur zitiert, die teilweise schon seit Jahren überholt ist. Man sollte überprüfen, wann das Buch erschienen ist und ob es mittlerweile überarbeitet wurde. Haben sich die Autoren weitergebildet und die neuen Erkenntnisse in einer Neuauflage in dem Buch eingebracht? Bücher dieser Art sollten lediglich Richtlinien und keine Bibel sein! Fachärzten sollte zugespochen werden, abweichend von diesen Büchern eigene positive Erfahrungen sammeln zu dürfen.

      Natürlich ist es wichtig, sich als Vogelhalter zu informieren und nicht blindlings eine Tierarzt-Praxis zu betreten. Das Lesen in einem Fachbuch ersetzt jedoch nicht ein jahreslanges Studium und schon gar nicht die praktische Ausbildung. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass den Usern, die unseren Rat suchen nicht unnötig Angst gemacht wird.

      Edit Hamdrel: Die Diskussion hierzu ist hier zu finden: Eine Kortisonspritze und was danach kam
      Liebe Grüße von Martina

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hamdrel ()